
Der Knall, der die bundesdeutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt hat und nun zum Thema der sächsischen Landespolitik gemacht wurde, kam nicht von dem Feuerwerkskörper, der Wawrzynski am Ohr verletzt haben soll, sondern von der Konzeption, mit der das Versammlungsrecht außer Kraft gesetzt und der Widerstand kriminalisiert wird. Er enthielt jene Abwehrmechanismen und enthüllte jene Verschleierungsmodelle, mit denen seither diejenigen arbeiten, die kein Interesse daran haben, dass die Widersprüche zwischen Staatsapparat und Volk, zwischen demokratischer Politik und der Wirklichkeit im Lande sichtbar werden.
Als sich am 17. Oktober einige hundert Jugendliche in den Straßen Leipzigs versammeln wollten, um aufzuzeigen, dass es „Wachstum“ und „Aufschwung“ nicht geben wird, obwohl genau das den Menschen gebetsmühlenartig einzureden versucht wird, als sie aufzeigen wollten, dass sie nicht länger bereit sind, wegzusehen und das Maul zu halten, wenn von Wohlstand und Demokratie gesprochen wird, während das Volk ausblutet, und als diese Jugendlichen allmählich unerträglich für den Apparat wurden, da waren die großen Schlagzeilen schon im Entwurf.
Und dann brauchte man nur noch in den Amtsstuben auf Schultern zu klopfen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, in die Kameras zu lächeln und an die „Menschenrechte“ zu appellieren - was sehr viel leichter ist, als zu sagen, was man darunter überhaupt versteht - um die Frage nach dem System, das die vorherrschenden Zustände geschaffen hat, das lieber Jugendliche zusammen schlägt, als auf die Huldigungen des Polizeipräsidenten zu verzichten, zu tabuisieren.
Das alles ist nicht neu, sondern alt und wird sich auch solange nicht ändern, bis begriffen worden ist, dass Wut und Verzweiflung, Angst und Auflehnung, all das, was da in Leipzig mit Prügelpolizei und Tränengas, mit Wasserwerfern und Räumpanzern erzeugt wurde, durchaus dazu geeignet ist, die Widersprüche, deretwegen nach Leipzig mobilisiert wurde, nicht zum öffentlichen Diskussionsgegenstand werden zu lassen. Solange, bis nicht die eigene Position zur Frage der Gewalt und Gegengewalt geklärt wird - und dabei spielt es keine Rolle, ob die ersten Steine von staatlichen Provokateuren geworfen wurden oder nicht.
Die Gegengewalt, wie sie in Leipzig von den 10 oder 12 Leuten praktiziert worden ist, ist nicht geeignet, bestehende Machtverhältnisse auch nur ins Wanken zu bringen, nicht einmal, um das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit gegen OB Jung und seine aufrechten Demonstranten, gegen Wawrzynski und seine Prügeleinheiten durchzusetzen. Nicht nur, weil es ziemlich dämlich ist, aus einem Polizeikessel heraus Steine zu werfen. Nicht nur, weil es überhaupt nicht zu verantworten ist und in keinem Verhältnis steht, schwere bis schwerste Verletzungen anderer herbeizuführen, ohne selbst in großer Not zu sein. Sondern auch, weil Gegengewalt Gefahr läuft, zu Gewalt zu werden, wo die Heuchelei der Demokraten und die Brutalität des Polizeiapparats das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst.
Es muss klar werden, dass wir, die wissen, was gespielt wird, die Verantwortung haben, dass gegen die Repression, mit der wir es hier zu tun haben, Empörung und Gewalt keine geeigneten Waffen sind, dass sie stumpf und hohl sind. Wer wirklich empört, also betroffen und mobilisiert ist, schreit nicht, sondern überlegt sich, was man machen kann, um der Übermacht, die da knüppeldick demonstriert wird, friedlich und kreativ den Boden zu entziehen, ehe es zu spät ist.





21.10.09
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Lars
21.10.09 um 19:27
antworten
Endlich eine klare Positionierung zwischen den ansonsten veröffentlichten "entweder alle militant oder alle friedlich" Meinungen!
Freiheit
21.10.09 um 22:41
antworten
Seh das auch so. Es kann nicht gut sein aus so einer ausweglosen Situation herraus Steine zu schmeißen, mit welcher Reaktion kann man denn dann höchstwarscheinlich rechnen?
Meinhardt
22.10.09 um 09:54
antworten
Das ist der erste, meines Erachtens objektive und wahrheitsgemäße Bericht, den ich gelesen habe. Diejenigen, die ihren Körper wie Geist nicht unter Kontrolle halten können und dabei Mittel präferieren, die andere Menschen lebensgefährlich in ihrer Gesundheit schädigen können, haben im Widerstand nichts zu suchen.
Sie bedienen den Apparat mit den Futtermitteln, die die Herrschenden für ihre Futtertröge benötigen, werfen Steine und Feuerwerkskörper, um sich im nächsten Augenblick schnellstmöglich von dannen zu machen. Ihr seid Feiglinge wie die ganzen anderen ideologisch verbrämten Lumpen.
Ihr solltet euer Handeln einmal überdenken, wenn nicht begebt euch lieber in die Reihen derjenigen, die ohne Verstand, mit schrankenloser Gewalt als einziges "politisches Mittel" agitieren können.
Global Intifada
22.10.09 um 15:20
antworten
Dass diese Aktion, aus einem Kessel heraus anzugreifen, zum Scheitern verurteilt war, sollte außer Frage stehen. Auch wenn man es als rücksichtslos bezeichnen könnte, politisch Gleichgesinnte durch diese Form der Gewalt zu gefährden, muss ich doch behaupten, dass diese Geschehnisse für uns von Nutzen sind. Nicht weil man versucht hat, sein Demonstrationsrecht durchzusetzen. Nicht weil man versucht hat dem Staatsapperat zu zeigen "mit uns nicht"... Nein. Einzig und allein aus dem Grund, weil man einen Fehler gemacht hat aus dem man wichtiges lernen kann, weil man jetzt etwas erfahren hat, dass für unsere weitere politische Agitation von Bedeutung ist. Und diese Erfahrung ist das Wertvolle an diesem Angriffsversuch. Dass man einmal vor einer solchen Situation stehen würde war abzusehen und so können wir - das ist die Ironie des Schicksals - von Glück reden, eine solche Situation so früh wie möglich erfahren zu haben. Und das ist viel entscheidender als eine gescheiterte Demonstration!
Heiko
22.10.09 um 19:38
antworten
Naja, Global Intifada, ich weiss ja nicht wieviele Demos Du schon in Leipzig erlebt hast. Ich war auf einigen, und da ist es immer ähnlich abgelaufen, eher noch schlimmer.
100 Meter laufen, danach Stunden lang rumstehen, teilweise unter Beschuss von Steinen und Feuerwerkskörpern, danach unter chaotischen Zuständen wieder zurück zum Bahnhof.
Was neu ist, ist die Tatsache, dass die Polizei früher wenigstens versucht hat, unser Demonstrationsrecht durchzusetzen.
"Man kann nur das Recht für sich in Anspruch nehmen, welches man selbst in der Lage ist, auch durchzusetzen.", in diesem Sinne, arbeitet an euch.
Lieselotte
23.10.09 um 00:24
antworten
Guter, positionierender Artikel und vor allem ganz tolle Fotos!
Karl
23.10.09 um 10:12
antworten
"Man kann nur das Recht für sich in Anspruch nehmen, welches man selbst in der Lage ist, auch durchzusetzen.", in diesem Sinne, arbeitet an euch.
WAHRE WORTE!
Die Erfahrung (gerade in Leipzig, aber auch generell) zeigt, dass es für uns nutzlos ist, Gewalt gegen eine Übermacht auszuüben, weil die Gewalt der Übermacht gegen uns dadurch legitimiert werden kann, wenn es nachfolgend medial nur richtig verkauft wird. In diese Falle des Systems tappen wir jedoch viel zu oft - und die "Erfahrung" diesbezüglich in Leipzig am 17.10.09 hilft in keiner Weise weiter, sondern bestätigt nur, was man schon wusste...
Wer diese Gewalt jetzt wie "Global Intifada" rechtfertigen will, soll das tun, wenn er tatsächlich dadurch um eine Erfahrung reicher ist - aber was wird er dann beim nächsten Mal zur Rechtfertigung vorbringen, wenn sich Aktivisten aus (verständlichem) Unmut und Frust zu derart unüberlegten Aktionen hinreißen lassen? Wenn es um politischen Aktionismus geht, muss nicht jede negative Erfahrung selbst gesammelt werden. Hier ist es völlig legitim, aus Erfahrungen anderer zu lernen - schon deshalb, weil persönliche Erfahrungen dieser Art den Widerstand im Ganzen stets zurückwerfen werden, selbst, wenn Einzelne von negativen Erfahrungen profitiert haben mögen.
Deutscher
23.10.09 um 14:05
antworten
Zweite Spontandemo innerhalb einer Woche…Jetzt werden Konsequenzen gezogen. Freiheit wird erkämpft!
http://www.youtube.com/watch?v=ulWAL5NEf78
Thomas
31.10.09 um 20:13
antworten
Jegliche Form von Gewaltanwendung sollte unbedingt vermieden werden. Die Kampfstrategie unseres Feindes beruht im wesentlichen auf Lüge und Betrug. Dieser Parasit hat die Seelen unserer Volksgenossen derart vergiftet, dass sie zu Feinden ihrer uhreignen Lebensinteressen geworden sind und diejenigen als ihre Gegner ansehen, die für das Leben ihres Volkes mutig streiten. Ich denke wir werden in unserem Kampf nur erfolgreich sein, wenn wir an jedem Ort und zu jeder Zeit offen bekennen, was wir als Wahrheit erkannt haben und wenn wir den Mut aufbringen unseren eigentlichen Gegner als das zu benennen was er für uns ist, Satan, ein Lügner und Betrüger. Das Mittel der Gewaltanwendung hat man 1945 unserem Volk endgültig genommen. Auf Grund der gewaltigen Überlegenheit der Kräfte, die uns feindlich gegenüber stehen werden wir es bis auf absehbare Zeit nicht wieder erlangen. Wir sind gezwungen geistig zu kämpfen und die Wahrheit wird unsere schärfste Waffe sein.
xxx
02.11.09 um 19:53
antworten
Ich glaube der alte Erich hätte sich gefreut wenn es vor 20 Jahren so in Leipzig abgelaufen wäre. Einfach die Opposition verprügeln, einsperren und als Verbrecher darstellen. Das was heute so in Deutschland so abgeht, kennen unsere Eltern noch ziemlich genau aus der Stasizeit. Wie die Zeit sich doch wiederholt. WIR SIND DAS VOLK!