
Im April 2010 veröffentlichte die Lausitzer Rundschau einen Artikel, worin ausführlich auf eine vermeintliche "Spreelichter-Gruppe" eingegangen wird. Neben Anderen lies sich darin auch (LDS) Polizeischutzbereichsleiter Preuß zitieren, der seine Laufbahn bei der Volkspolizei im Jahre 1980 begann, als er die Offiziersschule der Bereitschaftspolizei in Dresden besuchte. In der Sprache einer längst überwunden geglaubten Zeit äußert sich Preuß, es gäbe im Süden Brandenburgs "Leute, die die Demokratie öffentlich infrage stellen", um später anzudeuten, wie diese zur "Einsicht" bewegt werden sollen:
"Die Spreelichter wissen, dass wir an ihnen dran sind und sie auch durch den Verfassungsschutz beobachtet werden. [...] Wir sind [...] mit deren Arbeitgebern sowie Ausbildungsbetrieben und Hochschulen im Gespräch."
Was wohl als Konsequenz solcher Worte steht, ist genau der Zustand, für dessen Überwindung 1989 Tausende auf die Straße gingen und den der DDR-Oppositionelle Jürgen Fuchs am eigenen Beispiel beschrieb. Dieser hatte am 12. März 1975 wegen seiner literarischen Zustandsbeschreibungen des Staatsapparates zu einer Aussprache in der Universitätsparteileitung der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu erscheinen. Anwesend waren Parteisekretär Dr. Erich Tennigkeit, Prorektor Prof. Heinz Keßler und zwei weitere Parteisekretäre. Fuchs rekonstruierte den Gesprächsverlauf in einem achtseitigen Gedächtnisprotokoll, brachte es auf Schreibmaschinendurchschlägen in Umlauf und führte vor, wie der Staat gegen Kritiker gesichert wurde:
Tennigkeit: Wir wurden durch die staatliche Leitung der Universität davon in Kenntnis gesetzt, dass in Bad Köstritz eine Veranstaltung durchgeführt wurde, an der du teilgenommen hast. Wir betrachten diese Veranstaltung als einen ernsten und gravierenden politischen Vorfall, der außerordentliche negative Tendenzen zum Ausdruck bringt. Du hast der Uni dabei keinen guten Dienst erwiesen. Ganz im Gegenteil, der Partei und der Uni wurde großer Schaden zugefügt. Wir sind hier zusammengekommen, um diese Vorkommnisse parteilich aufzuklären. Du hast gesagt, dass alles in Ordnung war. Ich möchte bloß ein paar Titel anführen: "Vertrauensmann", "1. Mai", "Das Schillerdenkmal".
Hier werden Vertreter der Partei- und Staatsorgane in unverschämterweise durch den Dreck gezogen. (Brüllt.) Das sind Machwerke. Wir werden diese Beleidigungen nicht länger zulassen, das kann ich ihnen sagen. Hier ist die Grenze erreicht. Hier hört der Spaß auf und der blutige politische Ernst beginnt. In klarer Sprache ausgedrückt: Du stehst auf drei Fehlpositionen: 1. Du begibst dich hier auf die Position der Kritiker am real existierenden Sozialismus und begünstigst damit die ideologische Diversion des Gegners, arbeitest ihm direkt in die Hände. 2. Du forderst Freiheit der Kritiker, kritisches Engagieren. Du stehst damit auf der Position der 2000 Worte in der CSSR von 1968...
Fuchs: Die ich nicht einmal kenne...
Tennigkeit: Das spielt keine Rolle. Damit hilfst du mit, die Konterrevolution vorzubereiten. Mildegesagt ist das die Position des Pluralismus. 3. Ist es eine absolut unmarxistische Betrachtungsweise, den Staat und die Gesellschaft so zu betrachten, wie du es tust. Das ist eine kritische Position. Der Sozialismus ist für dich eine Kette von Fehlleistungen... So, jetzt hast du drei Punkte gehört, die deine Fehlpositionen beschreiben. Diese Fragen wollen wir jetzt diskutieren.
Fuchs: Welche Fragen? Das waren nur Behauptungen, Anschuldigungen, Beleidigungen. Welche Fragen sollen denn diskutiert werden? (Pause.) Wer kennt denn, was ich in Köstritz gelesen habe? Ich meine jetzt nicht diese halben Mitschriften. Vielleicht wäre es gut einmal zu hören. (Zustimmung.) Ich werde drei kleine Prosastücke lesen: "Das Interesse", "Die Vorladung", "Das Fußballspiel"...
Tennigkeit: (Nach langem betroffenen Schweigen.) Eine Richtung ist erkennbar; der menschenfeindliche Moloch Staat. Der Sozialismus drangsaliert den Einzelnen, der wehrlos Opfer dieser Institution ist. Das ist ein Bild unserer Gesellschaft... das ist ungeheuerlich!
M: Darstellung der Gestapo.
Keßler: Ich kannte ja nur "Das Fußballspiel". Aber das war noch ziemlich der Einzelfall. Aber hier diese ersten beiden Sachen so allgemein auf das Typische aus, warum beleidigen sie uns. Das ist ein Schlag mitten ins Gesicht des Sozialismus. (Zeigt auf seine Goldrandbrille.)
Tennigkeit: Wo spielt denn das? Hier bei uns? Was haben sie sich eigentlich dabei gedacht?
Fuchs: Ich habe dabei auch an sie gedacht. (Schweigen.)
Herr Professor, sie sagen, diese Verhöre sind ein Schlag ins Gesicht des Sozialismus und zeigen dabei auf ihr Gesicht. Sie sind aber nicht der Sozialismus, sondern die Vertreter einer Bürokratie, die den Sozialismus fürchten, auch wenn sie vorgeben, ihn aufzubauen...
Ihr sorgt euch um Wirkung dieser biografischen Mitschriften. In Köstritz, in Greiz, in Weimar gab es durchaus Wirkungen, da kamen junge Leute und sagten: das kennen wir, genau so ist es und erzählten dann von sich und ihren Problemen... dass hier keine Resignation ausgedrückt wird, dass du nicht stillhältst, das freut uns, das ist gut. Solche Stellungnahmen habe ich gehört. Und in Köstritz waren doch die Organe anwesend. Ich rief zwei mal zur Diskussion auf, warum meldete sich niemand, es waren doch alle da: Rat des Bezirks, Bezirksvorstand des Kulturbundes, Partei – und am nächsten Tag waren es "technische Gründe".
Tennigkeit: Nun sag mal deine politischen Ansichten. Wie würdest du sie verallgemeinern, ich meine, auf einen Nenner bringen?
Fuchs: Auf ihren Nenner bringen, der sich leicht mitschreiben lässt, so wie sie ihre Anklage in drei Punkten formulierten, knapp und falsch, meinen sie das?
Tennigkeit: Ich meine die Theorie, die dahinter steckt.
Fuchs: Das Gedankengebäude, aus dessen Fenster (rechts) der Klassenfeind lugt?
Tennigkeit: Wie du willst, nenn es, wie du willst...
M: Was willst du eigentlich erreichen, sollen deine Zuhörer am Schluss der Lesung die Ämter dieses bürokratischen Staates stürmen oder was?
Fuchs: Wenn dieser ganze Staat so aussieht, wie du ihn gerade beschrieben hast, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen, das ist richtig...
Tennigkeit: Du machst dich damit zum Handlanger des Imperialismus, der wartet doch nur auf solche Signale.
Fuchs: Die Handlanger sind doch die, die solche Vorladungen inszenieren, so Interessen vertreten und auf diese Art verhindern, dass der Sozialismus in der DDR von seinen bürokratischen Sklerose befreit. Das sind die Handlanger und Helfershelfer, nicht die, die mit künstlerischen Mitteln diese Misere zu entlarven versuchen...
Tennigkeit: Also gut, Zeit ist vorgerückt, es ist schon 19 Uhr, eine Einigung konnte nicht erzielt werden, im Gegenteil, es wurde sichtbar, dass es zwischen unseren Standpunkten keine Versöhnung geben kann. Hier müssen wir eine prinzipielle Entscheidung treffen. (Sieht den Professor an. Der nickt.) So, das wär’s.
Weil seine kritischen, größtenteils unveröffentlichten Texte den Funktionären in der DDR missfielen, wurde Fuchs 1975 wegen "Schädigung des Ansehens der Universität in der Öffentlichkeit" kurz vor dem Examen exmatrikuliert.
24.05.10

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Andreas
24.05.10 um 19:36
antworten
Wir müssen den Menschen zeigen, dass es noch eine etwas anderes gibt, das sich fundamental von der Zeit der DDR und dem System der Demokraten unterscheidet. Wir müssen uns ständig als die entschiedensten Gegener dieses Systems positionieren - als außerparlamentarischer Widerstand. Und uns als Alternative etablieren bevor es zu spät ist.
Alle guten zu uns!
Ihr leistet hervorragende Arbeit, weiter so.