
Noch Monate vor der friedlichen Revolution im November 1989 fühlt sich der 23-jährige Günter innerlich zerlegt. Er hat es satt, gelebt zu werden, vom verhassten Vater, der ihn für ein Kopfgeld verpflichtete, zur Bereitschaftspolizei zu gehen, vom Staat und allen anderen, die in seinem Leben die Befehle geben.
Von allen Freunden, Bekannten und Geschwistern, mit denen er spricht, erfährt er nur Ohnmacht. Doch er ist getrieben von dem Gedanken, "wenn ich jetzt nichts tue, werde ich weitergelebt". Darum setzt er sich am 17. September hin und beginnt zu schreiben.
Erst wollte er Plakate zeichnen, um die Missstände im Land mit schwarzem Humor auf's Korn zu nehmen – die Wohnungsnot und die verlogenen 1.-Mai-Demonstrationen, all die Lügen, von denen er sich seit seiner Kindheit umzingelt fühlt. Drei Tage später ist eine Art Flugblatt fertig:
Was für ein Leben?
Wo die Wahrheit zur Lüge wird,
wo der Falsche das Zepter führt.
Was für ein Leben?
Wo alte Männer regieren,
wo noch Menschen an den Grenzen krepieren.
Was für ein Leben?
Wo die Angst den Alltag bestimmt,
wo das Ende kein Ende nimmt.
Was für ein Leben?
Wo man seinen Nachbarn nicht mehr traut,
wo man nicht mehr aufeinander baut.
Was für ein Leben?
Wo man nicht sein kann, der man ist,
wo man so schnell vergisst.
Was für ein Leben?
Wo Träume sterben,
wo es nichts mehr gibt zum Vererben, außer Scherben.
Was für ein Leben?
Wo es für wenige alles gibt,
wo der Kleine keinen Ausweg sieht.
Was für ein Leben?
Wo Lieben nicht existiert,
wo man langsam erfriert.
Was für ein Leben führen wir? Aber leben muss man doch – und zwar hier!
Er ruft die Bewohner seiner Stadt auf, sich am 30. September auf dem Markt zu versammeln. Sie sollen sich nicht mehr einschüchtern lassen. Er fordert Meinungsfreiheit und Reformen. Wenn keiner kommt, so denkt er, dann haben die Anderen recht, dann kann man nichts tun.
Am Abend des 20. September ist seine Freundin bei ihm zu Besuch. Er zeigt ihr, was er geschrieben hat. Sie versucht, ihn umzustimmen, dann wirft sie die Hausschlüssel hin: "Wenn du so was machst, ist alles vorbei".
Wenn alles vorbei ist, denkt Günter trotzig, kann ich auch kleben gehen. Er packt Leim und einen Stapel Flugblätter ein und radelt los - zur Post, zur Sparkasse, zum Museum, zum Bahnhof. Als er zur Sparkasse zurückkommt, sind die ersten Flugblätter schon abgefetzt. Polizei ist da.
Er fährt nach Hause, tippt, am ganzen Körper zitternd, weitere Flugblätter in die geborgte Schreibmaschine, geht wieder in die Nacht hinaus und überklebt die abgerissenen mit neuen Aufrufen. Früh um fünf sitzt er zu Hause und wartet, dass er abgeholt wird.
Fieberhaft suchen Polizei und Stasi nach einer Schreibmaschine vom Typ "Mercedes". In allen öffentlichen Einrichtungen der Stadt werden Schriftproben genommen – ergebnislos. Günter will mit jemandem reden und geht zu seinem besten Freund. Der aber will davon nichts hören und fragt vorwurfsvoll: "Da kommst Du zu mir?"
Andere beschwören ihn, die Sachen zu vernichten. Doch er will davon nichts hören und bleibt stur. Wenn keiner kommt, dann haben die Anderen recht, dann kann man nichts tun. Er tippt mehr Flugblätter, lässt sie in öffentlichen Einrichtungen liegen – in der Post, in der Diskothek "Völkerfreundschaft".
Am 30. September steht in jedem Hauseingang am Markt die Stasi – Männer mit roten Schlipsen und Kameras vor dem Bauch. Langsam kommen aus allen Richtungen der Stadt Menschen auf den Markt. Als niemand eine Rede hält, beginnen sie, miteinander zu reden. "Lasst euch nicht mehr einschüchtern, sagt eure Meinung", waren die letzten Worte seines Aufrufes. Eine Forderung, die heute so dringend erscheint, wie vor 20 Jahren.
08.01.10

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08.01.10 um 18:47
antworten
Wir haben uns einmal um 360 Grad gedreht...
aber die Leute scheinen immernoch benommen von der Rotation zu sein. Die Sterne, die durch den Gleichgewichtsverlust vor ihren Augen blitzen, sind so hell, dass sie nicht sehen können, dass sie immer noch in die gleiche Richtung, immer tiefer in die Sackgasse laufen, aus der sie doch hinaus wollten...
frank
08.01.10 um 23:07
antworten
Liest sich gut weg. Wie auf meiner zweiten Lieblingsseite Altermedia.
Martin
09.01.10 um 08:50
antworten
@frank(2): Es kann nur Eine geben! :D