Studivz - Abschied nicht leicht gemacht

Studivz - Abschied nicht leicht gemacht

Wer selbst bei jeder Gelegenheit den Überwachungsstaat anprangert und den Schutz persönlicher Daten für besonders wichtig hält, gleichzeitig aber in seiner "Freizeit abseits politischer Floskeln" Mitglied in einer (oder mehreren) der zahlreichen "Communities" ist, die es inzwischen im deutschsprachigen Netz gibt, sollte die folgenden Gedanken einmal nachvollziehen, die uns heute über das Kontaktformular erreichten:

Ach Mist, wie viele Seiten sollte noch mal die Hausarbeit in Statistik umfassen? Welcher Zeilenabstand ist gefragt? Fällt morgen eine Vorlesung aus? Wie lautet das Passwort für die e-learning Plattform? Ich komm nicht drauf.Ich werd mich einfach mal schnell im studivz einloggen, da bin ich ja mit über 50 Kommilitonen meines Semesters befreundet. Einer von denen wird sicher gerade online sein und mir weiterhelfen können. Dazu habe ich mich schließlich damals im Jahr 2007 angemeldet, kurz nachdem ich mein Studium begonnen hatte. Ursprünglich wurde studivz für die 2,3 Millionen Studenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz konzipiert. Inzwischen zählt die „vz – Familie“ 14 Millionen Mitglieder.

So, die Hausarbeit soll 15 Seiten in einem einfachen Zeilenabstand umfassen, Informatik fällt aus und das Passwort lautet „lernen“. Mein Blick fällt auf die Navigationsleiste: „Du bist auf 52 Fotos verlinkt“ und „Meine Fotoalben (12)“. Warum eigentlich? Ich dechauffiere mich schließlich ständig über Onlinedurchsuchungen, Datenhandel und Privatsphärenverlust, mache es jedem, auch den Staatsspitzeln aber doch so leicht, zu sehen, wann ich wo mit wem unterwegs war, welche Interessen ich habe und bei welcher Firma ich gerade beschäftigt bin. Mittlerweile habe ich auch über 150 „nichtstudierende“ Freunde in meiner Freundesliste angesammelt. Wieso eigentlich? Man sieht sich doch oft beim Weggehen oder hat die Handynummer – oder man kennt sich eigentlich gar nicht! Warum soll jeder wissen, wen ich kenne? Wirklich interessant sind diese „Vernetzungen“ doch nur für die, die sich in ihren Büros tagtäglich damit beschäftigen, „Aktivistengenogramme“ aufzustellen und ihre Pappenheimer auszukundschaften. Warum denen in die Hände spielen?

Jetzt ist Schluss damit! Ich lösche meinen Account. Doch leichter gesagt als getan. Studivz wirbt damit, die Daten seien sicher, und ich muss feststellen, dass sie so sicher sind, dass ich sie selbst nicht einmal löschen kann. Seit über drei Tagen versuche ich nun vergeblich, meine „Onlineidentität“ zu beerdigen, aber es will nicht klappen. Immer noch kann ich und können auch andere auf meinen Account zugreifen, lediglich ein paar Kleinigkeiten wurden gelöscht.

Ich könnte einfach auf meiner Seite Texte verfassen oder Fotos hochladen, die meinen Rausschmiss bewirken würden. Aber da war doch was, ich habe doch damals den AGB zugestimmt, die besagen: „Ich willige ein, dass studiVZ Bestandsdaten und/oder Nutzungsdaten von mir an Ermittlungs-, Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden weitergibt, wenn und soweit dies erforderlich ist zur Abwehr von Gefahren für die staatliche und öffentliche Sicherheit sowie zur Verfolgung von Straftaten.“

Wie weit es in den USA, die uns als Vorreiterstaat ständig angepriesen werden, schon gekommen ist, kann man auf www.isearch.com sehen. Dort gibt man einfach den Namen einer Person ein, falls bekannt noch den Bundesstaat und erhält Suchergebnisse, bei denen man seinen Augen nicht traut. Alter, zweiter Vorname, den man als Verwandter noch nicht einmal kennt, die Adresse mit Kartenansichtsoption und eine Liste mit Namen der Verwandten, selbst derer, die schon verstorben sind. Der, dem das noch nicht genügt, kann einfach auf „Get a backgroundcheck for…“ klicken und wird auf die Seite www.intelius.com weitergeleitet, auf der man für $ 39,95 - man bekommt sogar 10% Rabatt - einsehen kann, ob die besagte Person in einem Gerichtsverfahren steckt, verurteilt, verheiratet oder geschieden ist, wer die Nachbarn sind, wie hoch sein Durchschnittseinkommen ist und so weiter. Der gläserne Mensch, vor dem sich jeder hier fürchtet ist dort schon bittere Realität und facebook, myspace, studi-, mein- und schülervz sind die, die den Weg ebnen. Schützt eure Daten!

14.08.09

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Kommentare

Schäuble
14.08.09 um 13:20
antworten

Kommentar 1

Super Artikel, genau das habe ich auch schon immer gedacht. Gut auf den Punkt gebracht!



Schweinschwarte
14.08.09 um 14:33
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Kommentar 2

Der Artikel ist recht interessant, jedoch bin ich der Meinung das ich mich nicht selbst aus der Gesellschaft ausschließen muß. Warum sollte ich freiwillig auf eine beliebte Kommunikationsplattform verzichten, durch welcher man auf einfache Weise neue Leute kennen lernen, alte Freundschaften wieder auffrischen oder halt auch Bestehende vertiefen kann?
Ich brauch mich doch nicht zu löschen bzw. diese Plattform komplett zu meiden.

Bei der Registrierung soll man zwar seinen richtigen Namen angeben, jedoch steht es jedem frei einen x-beliebigen Namen zu wählen. Eine nicht namensbezogene E-Mail-Adressen kann sich jeder ebenfalls ohne Probleme einrichten und gezwungen wird man auch nicht sich verlinken zu lassen oder gar Bilder von sich hochzuladen.

Man sollte es den "Staatsschützern" auf jedenfall nicht zu leicht machen, allerdings denke ich ist eine freiwillige Ausgrenzung aus der Gesellschaft der falsche Weg dazu. Wenn wir dies tut helfen wir denen uns vom Volk zu entfernen und dann haben sie genau das erreicht was sie möchten!



youthment
14.08.09 um 17:17
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Kommentar 3

Diese Seiten sind einerseits eine sehr gute Möglichkeit zur Vernetzung und Kontakteknüpfen, auch um in neuen Menschen das Interesse zu wecken, aber sie sind eben auch eine ziemlich große Gefahr. Muss jeder selber wissen ob er die Fähigkeit hat auf Messers Schneide zu laufen ohne abzurutschen...



Lieselotte
14.08.09 um 17:37
antworten

Kommentar 4

@ Schweinschwarte

Hast Du dich denn vor deinem Eintritt ins studivz von der Gesellschaft ausgegrenzt gefühlt? Wenn dem so war, wird es Dir sicherlich nicht weitergeholfen haben, denn dann liegt es eher an missglückter Sozialisation. Und eine Plattform im Internet stellt wohl kaum eine "Gesellschaft" dar. Das eigentliche Leben spielt sich auf der Straße, in den Wohnungen, den Arbeitsplätzen, den Universitäten und meinetwegen auch Gaststätten ab, nicht auf einer rot-weißen Seite!

Bist Du nicht in der Lage im normalen Leben neue Leute kennenzulernen, was sich viel Interessanter gestaltet, als wenn man sofort sämtliche Daten der Person einsehen kann? Alte Freunde und Bekannte wiederzufinden ist ja schön und gut, aber ist es nicht ein komisches Gefühl, einfach nur den Namen in ein Feld einzugeben und promt weiß man alles. Mittlerweile heißt es: "Kennst du den und den? Nein? Guck mal bei studi, da ist der unter dem Namen ..."

Ich fühle mich nach meinem Austritt keinesfalls "volksfern", im Gegenteil, ich setze zukünftig mehr auf persönliche Kommunikation. Alles was unter der Rubrik "NS" im studivz läuft ist zu 99% eh Mist.



moT
15.08.09 um 11:39
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Kommentar 5

Eben der MAD bei der Bundeswehr stützt sich sehr gerne auf diese Kommunikationsplattformen, natürlich nur für die Interessant die aktiv sind.



Martin
27.08.09 um 23:57
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Kommentar 6

Rund 28% der Unternehmen suchen im Netz nach Spuren ihrer Bewerber. http://bit.ly/AAcJ6



steffen
27.05.10 um 00:07
antworten

Kommentar 7

Wenn man aber nun weiss, wie das gesamte System funktioniert, kann man sich so darstellen, wie man es gerne hätte. Damit einher geht eine perfekte Basis für Infiltrationen. Wenn man nicht die Person ist, für die man sich im Internet ausgibt, bringt das eine große Menge an Vorteilen - sofern sich das Ziel mit dem Aufwand vereinbaren lässt.



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