"Jetzt kann ich wohl meine Beförderung vergessen"

Jetzt kann ich wohl meine Beförderung vergessen

Am 17. August 2004, morgens um 2 Uhr, hasten zwei Aktivisten des Widerstands durch die ostthüringische Kleinstadt Altenburg. In ihren Taschen tragen sie Plakate, Leim und Pinsel. Es ist der 17. Todestag von Rudolf Heß. Wie andere Aktivisten im ganzen Land wollen sie sein Schicksal, seine 46 Jahre währende Haft und die Umstände seines Todes zurück in das Bewusstsein ihres Volkes tragen.

Plötzlich begegnet ihnen in der Innenstadt eine Polizeistreife. Sie sollen ihre Personalien zur Identitätsfeststellung abgeben. Überall wurden die Polizisten für die vom Widerstand ausgerufenen Aktionswochen sensibilisiert. Sie sollen besonders aufmerksam sein und Ausschau halten, nach kleinen Gruppen, die sich des Nachts in den Straßen rumtreiben.

Die beiden Aktivisten sind angespannt. Es würde nicht lange dauern, bis der Polizeicomputer offenbart, dass sie im Widerstand aktiv sind und bei einer Durchsuchung die missliebigen Plakate gefunden werden. Ohne weiteres Zögern wagen sie die Flucht, hinüber, über einen Zaun. Dann durchbricht ein Schuss die Stille der Nacht.

"Ich habe mir den Arm ausgekugelt", rief einer der Aktivisten seinen Kameraden zu. Als dieser zu ihm kam, um nachzusehen, entdeckte er eine triefende Schusswunde im Oberarm seines Freundes. Erst jetzt, als er an die Wand gedrückt wird und Handschellen angelegt bekommt, kann er den Knall zuordnen. Zu abwegig schien der Gedanke, dass man ohne Vorwarnung auf fliehende Jugendliche schießt, die Plakate kleben wollten. "Jetzt kann ich wohl meine Beförderung vergessen", hört er einen der Polizisten besorgt vor sich her raunen. "Es gibt Unfälle, die kann man nicht verhindern", wird der thüringische Innenminister Karl-Heinz Gasser später verkünden.

Blitzschnell hat sich die Nachricht im Widerstand verbreitet. Ohnmacht und Wut machen sich breit. Aus mehreren Bundesländern zieht es Aktivisten in die ostthüringische Kleinstadt. Am Abend versammeln sich 240 von ihnen zu einem Protestmarsch. Die Stimmung ist verhalten, nur die Schläge der Trommel sind anfangs zu hören. Das war ein Schuss auf sie selbst, ein Schuss auf den gesamten Widerstand. Jemand fordert die anwesenden Polizisten auf, sich zu dem Vorfall zu äußern. Keiner von ihnen meldet sich zu Wort.

In den darauf folgenden Wochen wird von der Polizei die Geschichte verbreitet, der Schuss hätte sich während eines Handgemenges bei der Festnahme gelöst. Später muss jedoch eingeräumt werden, dass er bei der Flucht der Aktivisten abgegeben wurde.

Höhnisch gab die Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion nach der "Freistellung" des 36jährigen Polizisten bekannt, dass dies in keiner Form einer Suspendierung gleichkomme. Vielmehr sei dies in solchen Fällen üblich, um es dem betroffenen Beamten zu ermöglichen, leichter die erlebte psychische Extremsituation zu verarbeiten. Ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren, in dem geklärt werden sollte, aus welchem Grund er die durchgeladene Dienstwaffe bei der Verfolgung überhaupt in der Hand gehalten habe, wurde gegen eine Strafzahlung von 500 Euro eingestellt.

Seit den Ereignissen jener Nacht rufen die Gruppen aus Ostthüringen am 17. August zu einer Demonstration in Altenburg auf. Der Treffpunkt für dieses Jahr ist um 18 Uhr auf dem Parkplatz Kauerndorfer Allee/Ecke Feldstraße (Altenburg Nord). Wer Fragen zu Anreise hat, kann sich ab dem 15. August unter der Nummer 0178/5487914 melden.

10.08.10

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Kommentare

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11.08.10 um 12:09
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Kommentar 1

"...dass dies in keiner Form einer Suspendierung gleichkomme. Vielmehr sei dies in solchen Fällen üblich, um es dem betroffenen Beamten zu ermöglichen, leichter die erlebte psychische Extremsituation zu verarbeiten." Was ist los? Was für Hilfe bekam der Aktivist? Wahrscheinlich keine. Oft erscheint das alles wie in einem schlechten Film.



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