Inzwischen ganz anders? Erfahrungen eines DDR-Regimegegners

Inzwischen ganz anders? Erfahrungen eines DDR-Regimegegners

Am 6. Mai 2009 veröffentlichte die Online-Ausgabe der ARD-Tagesschau ein Interview mit dem Journalisten Siegbert Schefke, welcher als Regimegegner in der DDR jahrelang der Repression eines Unrechtsstaates ausgesetzt war und über seine Motivation berichtet, diesen Staat „zu beseitigen“.

Warum war Schefke zum Oppositionellen in der DDR geworden?

Schefke:
„Ich wollte diese verordnete Diktatur nicht mehr hinnehmen. Ich war es einfach leid, mir ständig vorschreiben zu lassen, was ich darf und was ich nicht darf. […] Zum Beispiel kamen wir 1982 oder 1983 von einer Reise nach Ungarn zurück. Wir hatten uns dort ein paar West-Bücher gekauft, unter anderem ‚Ansichten eines Clowns’ von Heinrich Böll. Das hat uns der Zoll weggenommen. Das kränkt einen jungen Menschen, wenn er sich Bücher wegnehmen lassen muss.“

In welcher Weise machten sich Überwachung und Repression durch das System für ihn bemerkbar?

Schefke:
„Als ich zum Beispiel an jenem 9. Oktober nach Leipzig fahren wollte, da standen im Innenhof von meiner Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg vier Stasi-Leute. Ich kam also aus meiner Wohnung nicht heraus. Also habe ich in meiner Wohnung Zeitschaltuhren eingebaut, bin übers Dach aus meiner Wohnung ausgestiegen, bin über die zusammenhängenden Dachböden vorgelaufen, wurde da von einem Freund abgeholt, wir haben zwei Mal die Autos getauscht und sind dann nach Leipzig gefahren. […] Nachts bin ich wieder in meine Wohnung eingestiegen und die Stasi stand immer noch da und hatte nichts gemerkt. Über die Zeitschaltuhr war das Licht an- und ausgegangen und ebenso Radio und Fernseher, sodass Leben in der Bude zu sein schien. […] Ich durfte zum Beispiel seit 1986 nicht mehr die DDR verlassen, auch nicht Richtung Osten. Weil die verhindern wollten, dass wir uns mit der Charta 77 oder der polnischen Solidarnosc treffen. Wenn man als junger Mann nicht einmal die Ost-Welt sehen darf, das ist doch Unrecht.“

Schefke produzierte Propagandafilme, welche im Fernsehen der BRD ausgestrahlt wurden und auf diesem Wege die DDR-Bürger erreichten. Was waren seine Beweggründe hierfür?

Schefke:
„Weil ich wusste, dass viele sich abfinden und die Repressalien und Zustände vielleicht verdrängen. Deshalb wollte ich ja in die Wohnzimmer der DDR senden über Umweltverschmutzung, über Städteverfall, über Wahlfälschung. Es ein schönes Gefühl, wenn man beim Bäcker ansteht und die Frau in der Schlange vor einem sagt: ‚Haste gestern Kontraste in der ARD gesehen, Mensch, die haben ja so etwas von recht und wir sehen das alles gar nicht mehr.’ Und da dachte ich: ‚Die kriegste bald. Die müssen noch zwei oder drei Mal gucken und dann mucken sie auch ein bisschen lauter auf.’ Dass alles dann so schnell gehen würde, hat ja keiner geahnt.“

Dieses Interview lässt – für viele überraschende, für die Betroffenen längst bekannte – Parallelen zum Kampf des Widerstandes gegen das Unrecht im BRD-System zu: So kennt freilich mancher Widerstandskämpfer das Gefühl, anhand der Schilderungen Dritter vom stetigen Erfolg seiner teils mühsamen und gefährlichen Propagandaaktionen zu erfahren – eine Gewissheit, die Motivation zugleich ist, weiterzumachen – denn das beklemmende Gefühl, in einem Unrechtsstaate leben zu müssen, ist trotz zunehmender Propagandaerfolge allgegenwärtig. Werden nicht auch hier und heute Bücher und andere Medien vom System verboten und eingezogen? Warten nicht auch in unseren Tagen Staatsschützer vor den Wohnungstüren der Aktivisten, wenn ein geschichtsträchtiges Datum bevorstehende Demonstrationen oder Propagandaaktionen erwarten lässt? Werden nicht auch von der BRD Listen mit Personalien derer geführt, die zu bestimmten Anlässen das Land nicht verlassen dürfen – sei es zu Fußballspielen, Protestaktionen oder historischen und politischen Konferenzen im Ausland?

Was haben Widerstandskämpfer in der DDR getan, um all das zu beseitigen? Ein Stasi-Offizier bestätigte Schefke nach der „Wende“, er sei „der Cleverste von allen“ gewesen. Woran hatte das gelegen?

Schefke:
„Ich habe mich irgendwann um keine Gesetze mehr geschert.“


07.05.09

Weitere Artikel zum Thema

Kommentare

Harald
07.05.09 um 22:05
antworten

Kommentar 1

Vielleicht sollte man es mit den BRD-Gesetzen machen wie der Schefke mit den Gesetzen in der DDR... die haben ja schließlich auch geschafft, ein System abzuschalten mit der Methode...



Fridericus
06.05.11 um 11:45
antworten

Kommentar 2

@Harald(1): DDR ist nicht BRD. Die haben schließlich aus den Fehlern der Roten gelernt. So einfach ist das nicht mehr auch wenn das nicht heisst, dass der Kampf aussichtslos ist.

Was macht Schefke heutzutage?



Kommentar schreiben

Name


Kommentar
kommentar


 


...lade
 

Kontakt

Du suchst Kontakt zu aktiven Widerstandsgruppen in Südbrandenburg, hast Fragen oder Hinweise? Dann melde Dich über das Kontaktformular!

Nutze das Tor-Netzwerk, um dem Apparat die Verfolgung zu erschweren!


Feed Flickr