Flexibel musst du sein…

Aus einer Pressemitteilung des Bundeswirtschaftsministers Phillip Rösler zur Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen im Mai dieses Jahres:

"Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt sind ein Beleg dafür, dass der Aufschwung die Bürgerinnen und Bürger erreicht. Dabei eröffnet das wirtschaftliche Wachstum gerade auch Erwerbslosen bessere Beschäftigungschancen und eine stärkere Teilhabe am Wohlstand."

Mag sein, dass der bundesdeutsche Arbeitsmarkt - der von der Arbeitsministerin von der Leyen mit stolz geschwellter Brust als "brummender Schwamm" tituliert wurde - angesichts des Anstiegs der Zahl der Beschäftigten um 322.000 im letzten Jahr von der konjunkturellen Erholung nach dem Krisenjahr 2009 profitierte, doch sind es in immer seltener werdenden Fällen auch die jeweiligen Arbeitnehmer, die den "neuen Wohlstand" zu spüren bekommen.

Laut einer vor Kurzem veröffentlichten Analyse des Statistischen Bundesamtes fallen von den benannten 322.000 neu entstandenen Beschäftigungsverhältnissen des letzten Jahres ganze 75 Prozent unter die Rubrik der atypischen Beschäftigung, in der Zeitarbeitsverhältnisse, Teilzeitbeschäftigungen mit bis zu 20 Wochenarbeitsstunden, geringfügig entlohnten Beschäftigungen sowie befristeten Arbeitsverhältnissen zusammengefasst werden.

Die Branche der Zeitarbeit profitierte dabei am stärksten vom allseits propagierten Aufschwung. Mit 57 Prozent fiel insgesamt mehr als jeder zweite neue Beschäftigte in die Kategorie der Leih- bzw. Zeitarbeiter. Flexibel auf die konjunkturellen Veränderungen zu reagieren, so lautet das Credo unter dem immer mehr Firmen auf Zeitarbeiter als günstigen Ersatz für "normal" angestellt Beschäftigte zurückgreifen.

Der Umstand, wieder eine Beschäftigung gefunden zu haben, bedeutet für die meisten jedoch keineswegs, sorgenlos in die Zukunft blicken zu können. Aufgrund des oftmals niedrigeren Lohnniveaus der Arbeitnehmer in Zeitarbeitsverhältnissen gegenüber den regulären Angestellten eines Betriebes, bildet sich unter ihnen ein immer größer werdender Anteil an der Gruppe der Geringverdiener, welche trotz Vollzeitbeschäftigung und Arbeitslohn auf Hartz IV angewiesen sind. Seit dem Jahre 2005 mussten insgesamt rund 50 Milliarden Euro aufgebracht werden, um Löhne im Niedriglohnsektor durch staatliche Bezuschussung aufzustocken.

Die Armutsindustrie - Eine Reportage von Eva Müller

Dem kommt hinzu, dass laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung insbesondere die Einkommen in den unteren Einkommensgruppen seit dem Jahr 2000 stark gesunken sind. So konnte bei Löhnen, deren Höhe den Bezieher oftmals ohnehin schon zu einem Leben am Existenzminimums zwingt, Senkungen von bis zu 22 Prozent verzeichnet werden.

Statt der allgemeinen "Teilhabe am Wohlstand", wie sie von Rösler und seinesgleichen in einem Zustand von scheinbar absolutem Realitätsverlust herbeigeredet wird, eint immer mehr Deutsche mittlerweile die Tatsache, dass sich ihnen derzeit eventuell wieder mehr Chancen auf einen Arbeitsplatz bieten, dieser dann jedoch immer öfter weder eine langfristige Perspektive noch eine Entlohnung, welche ein Leben oberhalb der Armutsgrenze ermöglicht, mit sich bringt.

Das von Rösler angesprochene "Wachstum" ist kein Wachstum, von dem das Volk profitiert. Der "Aufschwung", von dem er redet, ist kein Aufschwung, an dem die, die ihn erarbeitet haben, auch teilhaben. Es ist ihr Wohlstand, von dem er spricht und der nur gesichert werden kann, wenn immer mehr Arbeitnehmer zu Humankapital degradiert und um ihre Arbeitskraft betrogen werden.

26.07.11

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