Das Sittengesetz - Teil 13: Kraft und Macht

Das Sittengesetz - Teil 13: Kraft und Macht

Diese Küre ist Nietzsches Frucht. "Ich lehre das Nein zu allem, das schwach macht, was erschöpft. Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert, was das Gefühl der Kraft rechtfertigt." So lautet seine Lehre.

Kräfte lassen sich nicht mitteilen, sondern nur wecken, wie Ludwig Büchner betont. Heinrich Anacker weckt sie: "Was du beginnst, vollbringe ganz. Die Halbheit ist das Böse. Es winkt dem Starken nur der Kranz, dem Starken nur ein Morgenglanz, der ihn aus Nacht und dunklem Schacht ins helle Licht erlöse! Frag nicht, was du an Kraft drangibst, frag nach dem Werk alleine! Nur, wenn du es verzehrend liebst und keine Tat auf morgen schiebst, erhebt es sich einst königlich in makelloser Reine!"

Dementsprechend heißt ein deutscher Sinnspruch: "Beginne nicht mit einem großen Vorsatz, sondern mit einer kleinen Tat." Vorbilder können bei manchem dazu hilfreich sein, wenngleich Goethe mit seiner Wendung einen falschen Absolutheitsanspruch stellt: "Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet."

Marie von Ebner-Eschenbach sagt zu Recht: "Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft." Da junge Menschen gewöhnlich größere körperliche Kraft haben als ältere, ist dieses Kraftgefühl, der Glaube an die eigene Kraft, besonders bei ihnen groß. Das macht sie bereit, Aufbruch zu wagen. Dazu hilft jugendliche Begeisterung, die sich allerdings hüten muss vor jenen, die nur in ihren Worten groß sind.

Gerhard Krüger gibt seinen Söhnen mit auf den Weg: "Schöpferische Leistung kann nur vollbringen, wer sich die Unschuld der Begeisterung, die Unschuld zur Tat bewahrt hat. Erhaltet euch jene jugendliche Reinheit der Gesinnung, die euch mit jedem Mitmenschen mit Misstrauen oder mit der Verschlagenheit des Geschäftstüchtigen entgegentreten lässt. Kraft zu gläubiger Hingabe und Vertrauen, zu höchstem Einsatz ist Wesensmerkmal echter Jugend. Das Leben erzieht früh genug zur Skepsis, zu allzu vorsichtig nüchternem Abwägen. Wer trotz schwerster Schicksalskämpfe und –prüfungen sich nicht vom Leben täuschen lässt, sondern die ursprüngliche Kraft und die Fähigkeit zu aufloderndem Einsatzwillen in sich trägt, der wird nicht vergreisen. Nur solche Fähigkeit vermag Glück und Leid, Jugend und Reife, Gläubigkeit und Lebenserfahrung zur schönsten Einheit zu verbinden."

Aus dem Kraftgefühl heraus verachtet die Jugend auch die Lüge: "Wo die Schwäche ist, ist auch die Lüge; der Weg des Starken ist gerade." (Jean Paul)

Und so, wie jeder Jüngling seine eigene Kraft erproben will, und sich damit durchsetzen will und muss, so ist dies auch bei Völkern. "Nur in der eigenen Kraft ruht das Schicksal der Nation. Nur durch Opfer und harte Arbeit sind wir überhaupt erst wieder eine Nation geworden." (Helmuth von Moltke) "In der ganzen Lebensgeschichte eines Volkes ist sein heiligster Augenblick, wo es aus seiner Ohnmacht erwacht, aus dem Scheintode auflebt, sich seiner zum ersten mal selbst bewusst wird, an seine heiligen Rechte denkt und an die ewige Pflicht, sich zu behaupten." (Friedrich Ludwig Jahn)

Das Christentum scheint eine andere Grundlage zu haben, indem die Mächtigen im Neuen Testament geschmäht werden. Aber Nietzsche hat nachgewiesen, dass diese Verleumdung der Macht nur eine besonders geschickte Art der Schwachen war, um darüber die Starken zu beherrschen. Die Priester wussten, dass sie mit dem Schwert sich nicht durchsetzen konnten; deshalb erklärten sie, es sei ihnen verboten, eine Waffe zu tragen, ließen sich gleichzeitig aber durch die Gesetze stärker schützen als Adlige.

Im Kampf oder bei Turnieren hätten sie sich lächerlich gemacht; deshalb erklärten sie es als gottgefällig, nicht kämpfen zu dürfen, und zogen sich Frauenkleider an. Die Herrschaft übten sie dann anders aus: Über die Beichte erfuhren sie die Geheimnisse ihrer Gläubigen, hatten sich die Macht zugeteilt, sie von "Sünden" lossprechen zu können, wenn bestimmte Bußübungen durchgeführt worden seien, oder durch "Ablass" die "Sünden" von ihnen zu nehmen, konnten sogar Kaiser und Könige zum Kniefall durch die Auferlegung des Kirchenbannes zwingen, so dass der Papst als Versinnbildlichung seiner Macht sich sogar eine dreifach gestufte Krone aufsetze, wohingegen selbst ein Kaiser nur eine einfache Krone trug.

Nietzsche entlarvte diese versteckte Art der Priester, ihre Herrschaft auszuüben, und prangerte die Verlogenheit dieser Spezies Mensch an. Um als Schwache besser herrschen zu können, haben sie ständig versucht, den Starken den Glauben an die eigene Kraft zu nehmen ("All euer Tun ist eitel und nichtig, ihr seid schwache Menschen..."). Aber nicht nur im Christentum gab es den Versuch der Priesterherrschaft; in anderen Kulturkreisen entwickelte sich vergleichbares, z. B. beim Baal-Kult des Orients oder dem Vorrang der keltischen Druiden gegenüber dem König.

Nur die Germanen haben es nicht zu einer Priesterherrschaft kommen lassen, wenngleich auch hier eine vergleichbare Entwicklung von den Priestern vorangetrieben wurde: die angelsächsischen Priester durften auch keine Waffen tragen, trugen Frauenkleidern verwandte lange Gewänder und ritten auf einer Stute.

Gegen verlogene Priesterheuchelei vertreten wir unsere Meinung offen. Wir stehen dazu, dass wir die Macht wollen. Macht an sich ist nicht "böse"; es kommt darauf an, wofür sie eingesetzt wird. Ohne Macht können wir unsere Vorstellungen nicht verwirklichen, die aber zur Gesundung unseres Volkes und unserer Art verwirklicht werden müssen.

Wir wollen eine Steigerung unserer Kraft. "Es kommt bei der Entwicklung nicht so sehr darauf an, wo man steht, sondern darauf, in welche Richtung man sich bewegt." (Fridtjof Nansen) Wir können steigen oder sinken, wie es Goethe so großartig in Verse gefasst hat: "Nutze deine jungen Tage, lerne zeitig klüger sein; auf des Glückes großer Waage steht die Zunge selten ein. Du musst steigen oder sinken, du musst herrschen und gewinnen oder dienen und verlieren, leiden oder triumphieren, Amboss oder Hammer sein."

Jungsein

Jungsein
Heißt tatengewillt und voll Schwung sein,
trotzen den engen, den ängstlichen Gleisen,
die uns von Halbheit zu Halbheit weisen...
Lieber den Malstein der Grenze zerschlagen,
lieber das Leben, das schäumende wagen,
Kämpfe und Stürme, die wild uns umwehn,
lachend bestehn!

Jungsein
Heißt glühend bereit zum Sprung sein.
Was uns scheidet von Müden und Alten,
sind nicht die Krücken, sind nicht die Falten:
ewiges Licht hellt die Runen der Jahre,
ewiger Lenz blüht um silberne Haare,
wenn nur gleich göttlichen Falken der Geist
sonnenwärts kreist.

Heinrich Anacker

23.02.12

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