
Trotz Schießbefehl und Todesstreifen war der Freiheitsdrang vieler DDR-Bürger nicht auszurotten. Zwischen 1961 und 1989 gelangten etwa 300.000 Flüchtlinge illegal in den Westen. Die Meisten davon - mehr als zwei Drittel - kehrten von einer Westreise nicht in die DDR zurück. An zweiter Stelle kamen die über Drittländer Geflüchteten, dann diejenigen, die über die innerdeutsche Grenze flohen.
Immer wieder versuchten DDR-Bürger, an der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze und der 167,8 Kilometer langen Berliner Mauer die Sperranlage zu überwinden. Vor allem in den Anfangsjahren gelang es vielen, durch Tunnel, Gewässer oder unübersichtliche Geländeabschnitte in den Westen zu fliehen. Doch jede gelungene Flucht führte dazu, dass die Schlupflöcher untersucht und eilig geschlossen wurden.
Rund 38.000 Menschen entkamen zwischen 1961 und 1989 über die innerdeutsche Grenze in die Bundesrepublik; etwa 2.000 von ihnen waren Grenzsoldaten. Durch den Ausbau der Grenzanlagen und die zunehmende Überwachung der Bürger und des Grenzgebietes ging die Zahl der erfolgreichen Fluchten im Laufe der Zeit jedoch stark zurück. Während 1961 noch annähernd 10.000 Menschen die Flucht über die DDR-Grenze gelang, machte die Zahl 1970 weniger als 1.000 pro Jahr aus. Nach Abschluss des Transitabkommens mit der Bundesrepublik (1972) kam es noch einmal zu einem leichten Anstieg, doch danach sank die Zahl auf unter 200 pro Jahr (1985).
Wegen der enormen Gefahr für Leib und Leben blieben direkte Durchbrüche an der DDR-Grenze zunehmend die Ausnahme; die Drohung mit dem Tode verfehlte ihre Wirkung nicht. Vor allem junge Leute ließen sich jedoch selbst dadurch nicht abschrecken. Der 17-jährige Karl-Heinz Richter versuchte zum Beispiel 1964, am Berliner Bahnhof Friedrichstraße auf einen in den Westen fahrenden Zug aufzuspringen. Während seinem Freund die Flucht gelang, verfehlte er den Zug und wurde wenig später verhaftet.
Cliewe Juritza wollte 1984 im Alter von 18 Jahren zu Fuß über die innerdeutsche Grenze fliehen. Sein Fluchtversuch scheiterte jedoch bereits am ersten Elektrozaun, wenig später wurde er festgenommen. 214 DDR-Bürger versuchten in den 1980er Jahren, die DDR-Grenze mit einem Fahrzeug zu durchbrechen – die meisten vergeblich: 188 von ihnen wurden gefasst und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Auch die Flucht über die Ostsee war in der Regel nicht erfolgsversprechender. Von den etwa 5.000 Personen, die mit Luftmatratzen, Paddelboten oder anderen Wasserfahrzeugen zu entkommen versuchten, wurden mehr als 4.000 festgenommen; mindestens 27 Deutsche kamen bei der Flucht über das Meer ums Leben. 110 Menschen versuchten zwischen 1962 und 1973 auch, die DDR auf dem Luftweg zu verlassen. Allein in diesem Zeitraum registrierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über 58 Flugzeugentführungen.
Eine weniger riskante Fluchtmöglichkeit war es, in einem Fahrzeug unbemerkt die DDR-Grenze zu passieren. Zu diesem Zwecke reisten Helfer aus der Bundesrepublik ein und verstauten die Fluchtwilligen in einem Versteck im Pkw. Oft wurden die Autos dafür extra umgebaut. Man verkleinerte beispielweise den Tank, sodass daneben unbemerkt noch ein Flüchtling Platz fand. Doch auch viele dieser Fluchtversuche wurden entdeckt.
Ab Anfang der 1970er Jahre gab es noch eine weitere Fluchtmöglichkeit mit dem Auto. Nach dem Abschluss des Transitabkommens zwischen der BRD und der DDR wurden auf der Transitstrecke zwischen West-Berlin und der DDR an den Kontrollpunkten nur noch die Ausweispapiere und Passierscheine der westlichen Benutzer geprüft. Lediglich in Verdachtsfällen öffneten die Grenzer Kofferraum und Motorhaube, klappten die Rücksitze um oder prüften den Tank. Viele DDR-Bürger versuchten deshalb, unbemerkt in den Kofferraum oder in ein speziell präpariertes Auto eines BRD-Bürgers einzusteigen. Zuweilen wurden auch zwei identische Fahrzeuge vertauscht, um Grenzbeamte irrezuführen.
Derartige Aktionen waren jedoch nur mit westdeutscher Unterstützung möglich. Fluchthelfer verhalfen seit Anfang der 1970er Jahre etwa 2.700 Menschen zur Flucht aus der DDR. Deutlich mehr, nämlich 3.300 Personen, wurden bei Schleusungsaktionen entdeckt und in der Regel zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Vielfach waren die Fluchtpläne von Spitzeln verraten worden.
Dutzende von BRD-Bürgern, darunter viele ehemalige DDR-Bürger und –Häftlinge, bemühten sich nach dem Mauerbau, vielen Menschen zur Flucht zu verhelfen. Da dazu meistens größere Vorbereitungen und Geldmittel erforderlich waren, gab es neben der spontanen privaten auch eine organisierte gewerbsmäßige Fluchthilfe. Viele Fluchthelfer engagierten sich aus politischer Überzeugung. Andere gründeten kommerzielle Fluchthilfeorganisationen, die ausschließlich gegen Geld arbeiteten. Auf diese professionellen Schleuser kamen in erster Linie DDR-Bürger zu, die keine andere Möglichkeit sahen, die DDR zu verlassen.
19.08.11

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