17. Juni 1953 - Zwei Tage Hoffnung

17. Juni 1953 - Zwei Tage Hoffnung

Die Geschichte, von der Werner Wagner erzählen kann, begann am 17. Juni 1953 und endete zweieinhalb Jahre später, am 8. Dezember 1955, als er aus der Haft entlassen wurde.

Werner war Schlosserlehrling, im dritten Lehrjahr, damals im Lokomotiv- und Waggonwerk Niesky. Mit dem Fahrrad fuhr der 17-Jährige zur Arbeit, sechs Kilometer hin, sechs Kilometer zurück - nur nicht an dem Tag, der sein Leben, wie das vieler anderer, schlagartig verändern sollte. Am Morgen des 17. Juni 1953 nahm er den Bus.

Er wusste nichts vom Protest, der sich am Vortag in Berlin formierte. Auf zwei Berliner Großbaustellen, dem Block 40 in der Stalinallee und dem Krankenhausneubau in Berlin-Friedrichshain kam es zu Arbeitsniederlegungen, aus denen sich ein Demonstrationszug formte, der sich auf den Weg zum Regierungssitz in der Leipziger Straße schnell vergrößerte. Werner hatte andere Dinge im Kopf. Er interessierte sich für Fußball und Mädchen - und er lebte auf dem Land, im hintersten Winkel der DDR.

Es war 9 Uhr, als die Arbeiter in Niesky, wie in 700 weiteren Orten der demokratischen Republik, zum Streik aufriefen. Mit dem Wechsel zur zweiten Schicht legten 900 Schweißer, Schlosser, Schreiner und Maschinenbauer die Arbeit nieder. Ein Mann trat auf die Schiebebühne in der großen Werkshalle und sprach vom Streik, als irgendwann ein sowjetischer Panzer vor dem Tor stand und über die Köpfe der Versammelten schoss.

Eine halbe Stunde später schob sich ein Strom von Menschen durch die Stadt. Die Arbeiter aus vier Betrieben zogen zur SED-Kreisleitung und stürmten das Gebäude. Der erste Parteisekretär rannte davon - der Strom der 3.000 Menschen war nicht aufzuhalten. Werner lief mit, sah, wie sich die VoPo davonmachte.

"Aufmachen!" riefen die Menschen, als sie zur Kreisdienststelle der Stasi kamen. Sie holten vom Stellmacher, der nebenan wohnte, Balken und bogen die Gitter vor den Fenstern auf. Menschenleer war es im Gebäude gewesen. Werner sah die kleinen Zellen im Keller, mit Essnäpfen, die eigentlich für Hunde gemacht waren. Draußen sah er, wie die Protestierenden drei Stasimänner in den Hundezwinger sperrten.

Es war gegen 17 Uhr, als er in den Bus stieg und nach Hause fuhr. Er erzählte den Eltern, was er erlebt und dass er selbst nichts gemacht hatte. Dann, um 3 Uhr nachts, stand die Polizei mit Schäferhund vor der Tür. Werner wurde zur Stasi nach Dresden und von dort in das Gefängnis in der Schießgasse gebracht. Er habe sich an "faschistischen Terroraktionen" und am "brutalen Überfall" auf die SED-Kreisleitung und Stasi-Dienststelle beteiligt.

Im Verhör der Polizei beteuerte er, dass er nichts sagen könne über faschistische Provokateure, westdeutsche Agenten, Hintermänner und Helfershelfer. Dann verhörten ihn die Sowjets. Als zwei Polizisten in die Zelle kamen und einer zum anderen sagte: "Erschießen wir sie jetzt oder später?", da war für Werner Schluss. Er unterschrieb das getippte Papier, von dem er nicht wusste, was auf ihm stand - es war ein Geständnis.

Fünf Tage dauerte der Prozess vor dem Bezirksgericht Dresden. Der Anwalt, den ihm sein Vater besorgt hatte, plädierte auf Freispruch und kam dafür selbst in Haft. Die 16 Angeklagten kamen auf insgesamt achtundneunzigeinhalb Jahre Freiheitsentzug - zwei Drittel verbüßten sie. Werner wurde zu drei Jahren verurteilt.

Er weiß bis heute nicht, warum sie ihn damals verhafteten. Er ist daran nicht zerbrochen, er ist nicht verbittert. Nur manchmal wütend, wenn er sich erinnert.

Heute jährte sich der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zum 56. Mal. Zwischen 1,5 und 4 Millionen Menschen gingen an diesen Tag überall in der DDR auf die Straße und forderten niedrigere Arbeitsnormen und freie Wahlen. Als die SED-Regierung flüchtete, fuhren sowjetische Panzer auf und zerschlugen den Aufstand blutig.

Durch die Jahrzehnte lange Propaganda des DDR-Apparates ist die Zahl derer, die dabei ihr Leben ließen, zwischen 25 und 507 Toten zu suchen. Über 20.000 Deutsche wurden in der Folge verhaftet und verhört - Tausende landeten als sogenannte "Rädelsführer" in Zuchthäusern.

Von den Ereignissen vor 56 Jahren führe ein direkter Weg zum 9. November 1989, sagte Berlins Bürgermeister Wowereit heute bei der Gedenkzeremonie am Urnenfriedhof in der Weddinger Seestraße, wo die Opfer des Aufstands bestattet wurden. Dabei war er es, der die erste Koalition mit der SED, die sich nur zwei Mal umbenennen brauchte, um vergessen zu lassen, wer die Täter von damals waren, eingegangen war.

Es ist Heuchelei, wenn Demokraten heute der Opfer des Aufstandes vom 17. Juni 1953 gedenken, während noch immer Tausende von Stasimitarbeitern in den staatlichen Behörden sitzen.

Es ist Heuchelei, wenn Demokraten sagen, dass heute alle Staatsgewalt vom Volk ausgehe. In Wirklichkeit haben sie vor nichts mehr Angst, als dass das Volk sich regen könnte.

Es ist Heuchelei, wenn Demokraten sagen, dass sich in diesem Staat eine Opposition frei entfalten darf und nicht behindert wird. In Wirklichkeit haben wir ähnlich der DDR nur eine Staatspartei, die mit einem Teil ihrer Organisation dem Volk die Komödie "Opposition" aufführt.

Es ist Heuchelei, wenn Demokraten sagen, dass es heute eine Meinungsfreiheit gibt, während ein Schauprozess gegen Revisionisten nach dem anderen geführt wird und jährlich Tausende wegen Meinungsdelikten vor die Gerichte gezerrt werden.

Es ist Heuchelei, wenn Demokraten sagen, dass es keine politischen Gefangenen in der BRD gibt, während Zündel, Rudolf, Mahler und viele andere in den Knästen der Demokraten hocken.

Unsere Gedanken sind heute bei den Opfern des Aufstandes vom 17. Juni 1953, bei den Menschen, die jahrzehntelang durch die SED-Diktatur systematisch zerstört wurden und bei all den Anderen, die heute überall auf der Welt - auch hier - unter der politischen Verfolgung zu leiden haben.

Das Erschreckende und Beispiellose besteht nicht in dem gewöhnlichen, alltäglichen Vorgang einer Verhaftung, der unzählige Entsprechungen hat. Das Nicht-Sagbare besteht darin, dass du verhaftet wirst. Du und kein anderer. Auf eine Art und Weise, wie viele andere. Warum ist es kein Krimi, warum keine Erzählung, warum kein Traum, meinetwegen ein Angsttraum, bei dem man aufwacht und schreit? Warum ist es die Wirklichkeit? Alles ist so, wie du es geahnt hast, und das gerade ist das Furchtbare, das Banale. […] Ein Fremder will dominieren und ordnet dich unter. Im Namen eines „Ministeriums“, eines „Staates“, des „Rechts“. Aber die es sagen, sind Menschen. Menschen mit Köpfen, Armen und Beinen, Menschen wie du. Was sie von dir unterscheidet ist etwas Unsichtbares, Ferngelenktes, Anmaßendes: Macht. Sie haben „die Macht“ und du nicht.

Jürgen Fuchs, „Vernehmungsprotokolle. November ’76 bis September ‘77“

17.06.09

Kommentare

Meinhardt
18.06.09 um 12:45
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Kommentar 1

Ein sehr emotionaler und bewegendender Artikel, der die Wahrheit ins Licht dieses verkommenden Systems trägt. Wir werden keines der Opfer vergessen, all das Unrecht die Verfolgung und Bespitzelung.

Denn sie ist gegenwärtig und Realität, denn die Schweine sind noch unter uns!



mdorn
18.06.09 um 15:48
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Kommentar 2

...das es kein Leben ist ohne Recht,
kein Recht ohne Macht,
keine Macht ohne Kraft,
und die Kraft im eigenen Volk sitzen muß!

Wer hat das schon Anfang der 30-ger Jahre gesagt?



Ergänzung
18.06.09 um 21:41
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Kommentar 3

Diese Rede kostet 24.000 Euro Strafe!

http://de.altermedia.info/general/diese-rede-kostet-24000-euro-strafe-180609_30287.html#comments

Zwei Jahre Haft für österreichischen Dissidenten Herbert Schweiger

http://de.altermedia.info/general/zwei-jahre-haft-fur-osterreichischen-dissidenten-herbert-schweiger-180609_30276.html#more-30276

...dazu kommt noch Steinar Wulff sein Strafbefehl und Pastörs seine Anklageschrift. Die Ereignisse reihen sich in einer immer höheren Frequenz aneinander!

Und das sind Resultate aus einer WOCHE!!!



frosch
22.06.09 um 16:48
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Kommentar 4

@ Ergänzung:
Das man hier längst nichts mehr sagen und machen darf, ohne man hat das nötige Kleingeld dazu, dürfte nicht erst seit gestern bekannt sein.



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